Berlin-Protokoll: Finanzamt*

*16.11.2023: Dieser Text ist mein Part eines Parallelprotokolls von der AG Minimales Reisen, Kunsthalle Below. Wenn Du magst, kannst Du gerne auch mitschreiben, schau unter Termine. Soviel vorweg: Schreiben klärt, macht Spaß und bringt wundersame Entdeckungen.

12.20
Los gehts. Schon seit gestern versuche ich, ein Anagramm fürs Finanzamt zu finden. Dafür müsste ich die Buchstaben nach dem Alphabet sortieren, Amt, wie Tam, wie Mat – mehr geht grad nicht.

12.22
Wir sitzen hier ein bisschen wie auf einer Büßerbank, vor Platz 4, „Hundesteuerstelle“. Hinter uns laufen Leute rein und raus. Der große Raum, eher einer Halle gleich, ist unterteilt durch die großen Bänke in kleinere Abteile, die vor jeweils 4 Türen mit der Überschrift Platz 1, 2, 3, 4 stehen. Ich frage mich, was das wohl für Bänke sein könnten. Outdoor-, Draußenbänke eher nicht. Sie sehen etwas geschunden aus, ich sitze gerne und gut hier auf einer dieser Bänke mit dem Blick auf die Tür. Überall sind Glastüren, diese hier, bei Platz 4, ist mit einer Fototapete mit Herbstmotiv (gut) beklebt, ein Hund im Herbstlaub ist collagenmäßig aufgeklebt. Platz 4 ist nicht belegt, hier passiert nichts. Neben mir sitzen M. und P., die auch mitschreiben.

12.23
Wie schön, hier sitzen zu können und nichts zu wollen oder gar zu MÜSSEN. Ich muss hier keine Hundesteuer bezahlen. Und auf einmal atmet es durch mich hindurch, das fühlt sich gut an. Eine junge Frau sitzt links von uns, sie hält ihre Wartemarke in der Hand. Sie sitzt allein auf der Bank. Manchmal schaut sie zu uns herüber, sonst nimmt eigentlich keiner von uns Notiz, sind doch ganz schön viele Leute hier in dem Wartesaal.

12.25
Nummer 10, Platz 3: die Leuchtanzeige blinkt dezent und ich höre noch den Ton, angenehm, DingDong, aber sehr laut, er hallt in mir nach, obwohl er schon längst verklungen ist. Dieses Dingdong ist bei vielen anderen Ämtern auch der Aufruf zum Eintreten.

12.27
Hier auf der linken Seite sieht es ein bisschen aus wie ein Abstellplatz, rote Flatterbänder trennen unsere Separee nach hinten und zur Seite ab. Jetzt ertönt wieder der Gong, Nr. 11, Platz 3: zwei Leute, ein Mann und eine Frau, treten zielstrebig in die Tür unter Platz 3, für mich sehen sie aus wie Mitarbeiter, vielleicht sind es welche und die Plätze werden nochmal neu besetzt. Erst vor einer halben Stunde wurden die Tore zum Finanzamt geöffnet. Dingdong, Nr. 12, Platz 2: eine ältere Frau, blond, mit auffallend rosa Jacke, tritt mit einer jungen Frau mit Kopftuch, einem Kinderwagen und einem Schulmädchen aus Zimmernummer 2 heraus.

12.31
Neue Dingdongs: Nr. 13 Platz 3, Nr.14, Platz 1: zwei Männer treten ein auf Platz 1, während ein anderer eine Wartemarke aus einem unscheinbaren, kleinen grauen Automaten, den man auf Anhieb gar nicht sieht, zieht.

12.34 
Ein Gebrabbel im Hintergrund. „Du stehst mit drinne. … ja, kann ich machen, kein Problem“ – als ich mich umdrehte, sehe ich die rosa gekleidete Frau, die auf die Frau mit Baby und Mädchen einredete.

12.35
Platz 3: eine Frau mit kurzen, roten Haaren verlässt freudig strahlend die Tür unter Platz 3. Viele unterschiedliche Menschen kommen hier zusammen, die Stimmung ist ok. Ob die wohl alle Geld haben und wegen welcher Steuern sie wohl hier sind? – frage ich mich.

12.36
Nr. 16, Platz 2: Dingdong, Nr. 17, Platz 1: hinter uns telefoniert einer, ich höre „ok, ok, ja“, dann verlässt er den Wartesaal. Hier links stehen 3 Bänke hintereinander, wie Kirchenbänke. Ich dachte erst, eine von denen würden wir besetzen. Auf der äußeren Bank liegen Baumaterialien, vielleicht Gardinenleisten, irgendwelche Leisten waren es, ist ja auch egal, da sitzt man jedenfalls nicht. Rechts von uns steht eine andere Bank, einer liest Handy, die Frau schuckelt das Baby in ihrer Karre, ich weiß gerade gar nicht, wie diese kleinen Kinderwagen heißen, die man mit so einer Autositzschale ausstattet.

12.39
Oh, da dauert es mal lange, ehe das nächste Dingdong erklingt, nur das Geschaukel des Babys zieht meinen Blick an. Jetzt verlässt eine Frau die Tür von Platz 2. Auf einem runden Stehtisch neben der Tür packt sie ihre Papiere in einen großen, braunen Briefumschlag, sie wirkt auch zufrieden, als sie den Raum verlässt. Endlich mal wieder Dingdong, Nr. 18 auf Platz 2: die Mutter mit dem roten Pullover geht auf Platz 2, der Mann übernimmt das Baby, d.h., er setzt sich in seinen Blick (verstehe ich nicht) und schaut weiter in sein Handy.

Wie gehts Dir, wenn Du das Wort Finanzamt hörst? Bekommst Du Schnappatmung oder entspannt sich auch die letzte, kleine Zelle in Dir? Wenn Du nichts willst und nichts mußt, kann sogar das Finanzamt sehr angenehm sein, vielleicht kannst Du sogar Frieden in Dir spüren?!?

“Steuern Sie Ihre Zukunft”
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