Berlin-Protokolle: Momentaufnahmen. Skizzenhafte Aufzeichnung eines Ortes in Berlin. Zwanzig Minuten schreiben, alles, was gerade durch den „Kopf“ geht oder den Körper, Wahrnehmungen, Sehen, Hören, Empfinden, Riechen, Gedanken, Gefühle, Assoziationen, Vorstellungen und im Nu ist alles vorbei. Dann noch chronologisch vorlesen, fertig. Ich bin Teil der Gruppe: „Minimales Reisen“ und schreibe gemeinsam mit anderen regelmäßig Parallelprotokolle. Dabei bin ich mit mir allein und gleichzeitig mit anderen verbunden, ein Hochgenuss an Freiheit und Glück. Meine Texte könnt Ihr hier lesen. Sie sind nicht das Parallelprotokoll, eben nur mein Teil. Ich stelle sie Euch hier zur Verfügung, Ihr könnt die Orte in Berlin finden und als Anregungen für Euren Berlin Besuch nutzen oder selber mal mitschreiben oder was Ihr wollt.
231225_PP_Tanksäule
15:12 Der olle dreckige Renault Capture hält direkt vor unsere Nase und verpestet die Luft, hat hinten einen Aufkleber drauf für eilige Arzneimittel. So eine Dreckschleuder, möge der Dreck nicht auf die Medikamente abfärben. Noch immer steht er hier, mit laufendem Motor, nach einiger Zeit schrie (leise) ein anderer dazwischen und wahrscheinlich fahren sie beide, jetzt. Ja. B-JR 1997. Ob er Jahrgang 97 ist? Könnte sein, sah aber älter aus, der Typ.
15:14
Hab noch gar nicht auf die Tanksäulen geschaut, so viel los hier, am Ausgang. Von hier aus kann man nur geradeaus fahren oder rechts abbiegen.
15:15
Meine Lippen sind trocken und ich hab schon wieder Durst. Sitze hier so ganz gechillt an eine Hauswand gelehnt. Ein bisschen spüre ich die Hockerenden an meinem Hintern, aber alles gut. Eine ARAL Tankstelle, Aral, wie Lara, oder raal oder rala oder laar. Der Herrn von und zu von laar, fällt mir dazu ein. Er hat bestimmt schon vollgetankt, in der schönen Pfälzer Weingegend bei Bockenheim. Jetzt fallen mir auch noch Beatrix und Dieter ein, wie kann ich nur auf diese ganzen Leute kommen, während hier eine junge, mit braunem Kopftuchfrau verhangene Frau fragend herum steht, der ältere Mann streitet mit ihr, könnte ihr Vater sein, ob er sie verhauen möchte? Er geht jetzt vor und sie folgt ihm, 2 m hinter ihm.
15:18
4 Tanksäulen gibt es, hinten die Kasse, mit Rewe to go, da ist grün und rot, hier vorne alles blau. Das scheint verpachtet zu sein. Der Mann hinter der Kasse schaut schon zu uns herüber, dann aber wieder weg. Ah, da kommt eine Frau von rechts heran gefahren, B-TN 2866. Sie geht gleich rein, hält nicht den Rüssel in den Tank. Ein schwarzer, frisch geputzter BMW verläßt die Tankstelle. Ach, die Frau hat sich wahrscheinlich eine Waschmarke geholt und fährt in die Waschstraße, nee, sie wendet und fährt zurück, raus, ab, weg ist sie, unverrichteter Dinge.
15:20
Tankstellen liegen immer an solch windigen Ecken, so ganz besondere Orte, die alles andere als gemütlich sind.
15:21
Weine aus Georgien, B-EU 241, auch eine Dreckskarre, Geoweinhaus.de, steht dran, er verlässt die Tankstelle über die andere Einfahrt und ist auch schon weg.
15:22
Jetzt ist gerade niemand hier. An jeder Stadtion steht groß blau ein Schild mit Ultimate oben drüber. Es gibt 5 Zapfhähne, Diesel, Super, E10, mehr kann ich nicht erkennen. Ultimate Diesel, Super E10? Ach, ich wünschte, ich könnte wieder so tanken wie damals, End der 70er, als der Sprit noch 80 Pfennig kostete, manchmal auch 78. Da hat Autofahren Spaß gemacht. Sogar mit dem ollen Käfer von Flensburg nach Kaufbeuren, hatte einen Freund bei der Bundeswehr, und das war auch toll.
15:24
Hier fliegt der bewegliche leichte Müll herum, Tüten, Papierschnipsel, ein paar Blätter und eine Folie .
15:25
HHHH4730 Sicherheitsdienst, welch eine riesige Karosse, ein Chinesen Auto oder wie A. so schön sagte, eine Reisschüssel. Gut gebaut, schwarz, sieht sehr edel aus. Der andere Rote KW-K – verläßt zügig die Tankstelle. Er hatte blaue Zeichen dran, ich glaube, das ist uber. Jetzt kommt auch noch meine Lieblingsauto angefahren, ein weißer Safari-Wagen, den fährt man eigentlich auf Safari und nicht unbedingt in der Großstadt. Aber manche brauchen das auch hier. Ich denke, es ist ein Firmenwagen, der Typ mit der Jacke hat eine Markenzeichen hinten drauf, auch Sicherheitsdienst, kann es nicht so recht erkennen, ist zu weit weg.
15:28
Mir läuft die Nase. Alles geht so schnell hier. Einer läuft auf uns zu, schaut uns an, holt sich einen Plastikhandschuh und geht zurück zu seiner Dreckskarre. Niemals hätte ich mein Auto Dreckskarre genannt, Autos sind für mich edle Gefährte. Jetzt kommt einer mit einem blauen Corsa, wie sehr ich mich nach dem M. Corsa sehne, könnte allerdings auch ein Meriva sein, der hat die Türen so gegeneinander.
15:29
Der Typ vom Sicherheitsdienst, alles kleine Männer, steigt ein und wartet noch einen Moment. Jetzt fährt der weiße hyndai auch, er hält am Staubsauger, hat das kleinste Auto und das sauberste. Mit welcher Sorgfalt der Typ mit dem hipster Bart den Luftdruck prüft, so schön anzusehen, sieht nachhaltig aus.
15:30
Jetzt sind fast alle Tanksäulen belegt, jedes Rüsselreinhalten könnte mittlerweile bei 60-100 Euro liegen, vielleicht sogar noch mehr.
15.32
„Da nicht für!“ sagt S. langsam zu dem hier parkenden dicken Mercedes, der Typ hatte freundlich gefragt, ob es uns stört, wenn er kurz hier parkt. Er war sauer, dass wir nicht geantwortet haben, ich war total erschreckt und zuckte zusammen.
15:33
Ein Münchner Auto verläßt die Tankstelle, ob er ganz nach München damit fährt oder ob es auch ein Firmenwagen ist? Eigentlich ist es praktisch, sich einen Firmenwagen finanzieren zu lassen, man müßte einen Job generieren, bei dem man schön fahren kann.
!IDEE / Anregung: Mit welchen Gedanken nimmst Du eine Tankstelle wahr? Schaust du genau hin? Was erlebst Du beim Tanken?

Wie geschmeidig sich das INNEN und AUßEN Erleben hin und her bewegt und verschmilzt. Ja anregend und miterlebend. Echt gut und frisch frei. Danke dafür.
Danke, Martina. Und wieder war da so eine Überraschung, ich dachte vorher, ich schreibe über „driving home for xmas“ und dann war das auf einmal gar nicht mehr da, ist einfach untergegangen und etwas anderes hat sich den Weg gebahnt.