Berlin-Protokoll: Wahlplakat

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Seit der Erfindung der Parallelprotokolle schreibe ich regelmäßig mit, jede/r für sich und alle miteinander erstellen eine Momentaufnahme an einem Ort in Berlin, – als schauten wir gemeinsam durch eine Kamera. 20 Minuten protokollieren wir chronologisch unsere Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen. Wenn Du mehr wissen möchtest oder auch mal mitschreiben möchtest, gib Zeichen. Nachfolgend veröffentliche ich hier meine Aufzeichnungen, die in das Parallelprotokoll einfließt.

15:38
Hmmm, im Hintergrund eine Riesen Wasserpfütze. Meine Nachbarin rutscht etwas von mir ab, mit den Worten „bei dem Thema!“ – und sie meinte nicht die Wahlplakate.
15:39
Tatüüütataaa, viel laut hier, inmitten der Blicke auf die 2 Wahlplakate, zwei Große – und dann geht auch noch ein Presslufthammer an oder ein Bohrer, gegenüber auf der Baustelle. Hab bis jetzt noch nicht viel gesehen von den Wahlplakaten. Ein Bus schneidet die Kurve, als würde er uns schrammen, si dicht, wie wir an der Straße sitze.
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Schicke neue Uhren zum Ablesen der genauen Zeit hat sie uns gegeben, jede eine eigene. Der Wind ist frisch. Ich schau nach links, auf die Mitschreiberinnen, aus dem Augenwinkel sehe ich einen dm.
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Grüne, die Grünen, Werner Graf ins Rote Rathaus. Grün geht auf rot. Rot steht, Grün geht. Das Foto von Herrn Frag ist schön. Sein Blick geht in die Weite, ich fühle mich nicht angeschaut. Seine Augen sind unterschiedlich, an denen hängt mein Blick.
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Der Aufdruck: Stellen wir die Zeiten neu. Wo, wenn nicht hier?’
Wer sich das wohl ausgedacht hat? Bestimmt eine kostenintensive Agentur. Die typische gelbe Sonne bei den Grünen oben rechts auf dem Plakat ist hier weiß. Nix ist mehr wie früher, so wie sie strickenden Abgeordneten im Bundestag.
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Raus aus dem Rückwarts. Zweitstimme Grün. Ach, wieder mal weiß ich nicht, was Erststimme und Zweitstimme ist. Ich denke an die neuen jungen Wähler:innen, wie sollen die das nur wissen, wenn ich es schon nicht weiß, – und ich habe ja schon öfter gewählt. Erst jetzt verstehe ich langsam, den Sinn und Zweck von Wahlen und auch die Vergeblichkeit dabei, wenn sich doch nichts ändert.
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Hinter uns duftet es nach Kaffee, da ist ja auch das mobile Café, da haben wir auch schon mal geschrieben. Und dann wieder Bus direkt vor uns. Das BVG Gelb ist schön.
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Auf dem 2. Plakat steht nur unf*ck Politik. Volt. Wieso eigentlich unf*uck? Die linke Ecke ist rausgerissen und da steht noch was, das man wabernd unter dem gerissenen Plakat liest: … Ideologie. Und … statt Zukunftsangst. Volt ist ja eine Partei, die gerne auch von den jungen Leuten gewählt wird und dann Zukunftsangst. Ausgerechnet die jungen Menschen werben mit Zukunftsangst. Die, die den Raum halten könnten, müßten, damit passieren kann, was passiert – oder müßten eher wir Älteren den Raum halten. Ja, das würde mir auch gefallen, damit die jungen keine Angst haben müssten. Das haben sie ja sicher aus den Schulen oder der Familie. 
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Boah, ist das häßlich hier. Ein Mann mit Bierflasche torkelt auf uns zu, stellt sich hinter uns, schaut uns über die Schulter und zieht weiter.
15:51
Die  Wahlplakate sehen trüb und trostlos aus, vielleicht ein Abbild zu der gegenwärtigen politischen Situation.
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Hinter den Plakaten, bunt, ein Werbung von Wall mit bunten, wechselnden Bildern, von mein Schiff, bis zur S-Bahn, das sieht so viel attraktiver aus, als diese beiden „toten“ Papieren auf den großen Leinwänden. Ob wohl schon mal evaluiert wurde, welchen Nutzen die Plakate haben? Ziehen sie doch mehr Wähler an, als wenn sie keine Plakate aufstellen würden?
15:55
Vor dem Wahlplakat ein Bauschild mit einer Internetadresse für die Baufirma. Ich frage mich, warum sie keine Telefonnummer auf den Grünen oder Volt Plakaten haben?
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Ich frage mich ernsthaft, wie stellt man eigentlich die Zeiten neu? Wie raus dem Rückwärts, wenn man nichtt reflektiert, wie es zu diesem Rückwärts gekommen ist? Warum ist vorwärts besser als rückwärts. Langweilig, die Arbeit der Damen und Herren der Agentur. Warum nicht „fahr mit uns rückwärts“ – wir bringen dich an Anfang zurück! Ach, da kommen sie wieder in den Sinn, die Ameisen, die nach Australien reisen wollten.

Sabine Harbort

sabine.harbort@gmx.de

2 Kommentare

  1. Ja Sabine. Mitten im Leben, mit allem was sich zeigt. Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen. Aussen und Innen ineinander . Die Welt ist die Antwort.
    Superschön.
    Danke.
    Martina

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