Berlin-Protokoll: Bibliothek

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Hier stelle ich meinen Anteil an den gemeinsamen Texten zur Verfügung, den ich als Teil für ein Parallelprotokoll geschrieben habe. Es handelt sich dabei um eine Aneinanderreihung von Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen, Assoziationen an einem Ort in Berlin, mit gemeinsamem Fokus, heute: Geräusche hören. Und wenn es Euch mal kalt ist oder Ihr einen Raum der Entschleunigung sucht, taucht einfach ein in die Bibliotheken von Berlin, derer gibt es viele und tankt auf. Bin gespannt, auf Eure Erfahrungen, schreibt sie gerne in die Kommentare, auch Fotos sind willkommen.

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17:12 So komfortabel hab ich noch nie gesessen, beim Schreiben. Hinter mir eine Wand im Rücken, fühlt sich monumental an, riesig, ergreifend, die Halle hier vor uns. Hinter uns geht sie bestimmt weiter. Eine Frau im rosa Mantel hält an der Säule an und entfernt scheinbar den Stein in ihrem Schuh. Sie schüttelt ihn, was sie da wohl sucht? Manche hacks machen ja so unterschiedliche Verstecke zum Thema, vielleicht hat sie da ein Geheimnis versteckt? Jetzt setzt sie sich in ihrem rosafarbenen Outfit an einen Schreibtisch, nimmt ihre Mütze habt und fährt sich mit den Fingern durch die Haare.
17:14
Hören, – der Fokus liegt auf HÖREN. Ich seziere HÖREN, sortiere die Buchstaben alphabetisch E E H N O R , ö=oe, Ehre, ich lese Ehre und nore, kann ich nix mit anfangen.
17:15
Ich höre ein leises Gebrummel von Menschen. Die Decke ist mit Holzsparren versehen. Flughafenatmosphäre, am Boden viele weiße Linie, Karrees, die abgeteilt sind. Links von uns sprechen Menschen verhältnismäßig laut, still empfinde ich es nicht. In mir ist es einigermaßen still. 
17:17
Auf diesem Stuhl sitze ich so schön, so aufrecht, keine Zurückhaltung. Eben, die Frau von der Info, hat mich getriggert, was man hier so alles darf und was nicht. Jetzt rollt ein Mann einen Schreibtischstuhl an uns vorbei, es ist nicht wenig leise, ich hätte mich nicht gewagt, den Stuhl hier so durchzurollern. Jetzt hat er seinen Platz gefunden.
17:19
Was sind das hier für Menschen? Es sind alleine Studierende, ja, doch, es gibt auch junge Leute hier, in kleinen Gruppen und auch einzeln. Ein Gemurmel. Das Tippen auf der Maschine, da rechts lacht es, sie kichert, tut gut.
17:20
Links die Garderobenschränke, rechts Garberobenschränke, vor uns Glastüren, matt-Glas. Der Stil ist hier ähnlich wie in der Philharmonie.
17:21
Ich rücke etwas nach hinten, gebe meine aufrechte Sitzposition auf, es fühlt sich auch gut an, aber die Finger tanzen nicht mehr so einfach über die Tastatur, dafür müßte ich doch höher sitzen und die Schultern könnten schnell verspannen, weil ich die Hände etwas anheben muss.
17.22
Ich habe so gar keinen Plan, was hier los ist. Links läßt jemand beim Auspacken aus der Garderobe etwas fallen, könnte ein Schlüssel sein, der auf den Boden gefallen ist.
17:23
Dieses Gebrumme von einem Mann, der leise neben uns flüstert, empfinde ich als unangenehm. Ein Ton, der dem Menschen innewohnt, so dumpf. Jetzt zwei Fahrräder, so kleine Klappräder, machen auch das typische Geräusch eines Zahnrads, rollen vorbei.
17:24
Von vorne telefoniert einer leise, er hält das Hände vor seinen Bildschirm, sitzt mit dem Rücken zu uns, der Ton ist um Längen angenehmer, als das Brummen von links. Mit dem Menschen möchte ich nicht zusammentreffen. Ich vermute allerdings, wenn ich mich mit ihm über spannende Themen unterhalten würde, würde ich diesen, seinen Grundton, gar nicht so wahrnehmen. Jeder Mensch hat so einen Grundton. K’s Grundton mochte ich auch nicht. Ich werde mich mal demnächst mehr darauf fokussieren, ob ich diese individuellen Grundtöne erkennen kann.
17:26
Jetzt das Getrappel von zwei Frauen und hohen Stiefeln. Klackerschuhe, habe ich sie früher genannt. Ich möchte auch gerne mal Klackerschuhe haben, H. wollte sie auch, aber man muss schon auch in ihren Laufen können, wie Melania. Mit welcher einer Grazie, Anmut, sie sicher auf diesen Stöckelschuhen lief. Wie sehr ich mich danach sehne, es ihr gleich zu tun.
17:28
Heute ist es mir hier gar nicht lang. Ich möchte auch sehr gerne hier nochmal hoch gehen, ohne Mantel, Rucksack. Nach Kaffee riecht es hier nicht. Ja, hören ist wie riechen, nur ganz anders. Die Menschen kann ich nicht riechen. Sie sind kontrolliert ruhig, unterhalten sich kaum. Nur das Gebrumme dieses Typen, da links von uns.
17:30
Ob wir hier lesen können? Der Typ neben uns sitze an seinem Handy, er hat so einen Korb da stehen für die Sachen, die er mitnehmen darf. Eine andere Frau hat Kopfhörer, ja, mehrere. Da quietscht etwas, die Frau hockt rechts am Boden und räumt ihr Schließfach aus. Jetzt quietscht es wieder, man hört die metallenen Türen klappen.
17:31
Ich mag dieses Stille, diese Ruhe, in der Lebendigkeit. So wohltuend, außer der Brummbär.

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