Der folgende Text ist entstanden beim parallel Protokoll* schreiben, an einem Ort in Berlin, hier waren es Buden auf dem Weihnachtsmarkt. Es handelt sich um eine Momentaufnahme, eine Aneinanderreihung von Wahrnehmungen, Gefühlen, Gedanken, Assoziationen während wir uns auf ein Objekt beziehen. Natürlich gehören auch Geräusche dazu. Das ist eine wundervolle Möglichkeit des sich Klärens, des allein mit sich selber sein in der Verbundenheit mit anderen.
08. Dezember 2025
15:15
Kann los gehen. Weihnachtsmarkt-Bude heißt das hier. Wir sitzen mit dem Rücken zum Geschehen, in einem Karree zwischen zwei Buden, das sind schon fast gar keine Buden mehr, sind schon kleine Häuschen. Hinter uns schiebt eine Frau mit einem Kinderwagen vorbei. Noch ist es übersichtlich hier.
15:16
Ein Mann mit grauem Müllsack und großer Einkaufstasche läuft vorbei, wahrscheinlich bringt er Flaschen weg.
15:17
In nähester Nähe vor meiner Nase sehe ich eine kleine Tafel an einem kleinen Unterstand, handschriftlich drauf geschrieben: mit finnischen Spezialitäten, frisch zubereitet, Vorbestellungen willkommen. In etwas weiterer Nähe, an dem Häuschen selbst, sind drei Tafeln angebracht, dazwischen die Luken, in denen die Getränke ausgegeben werden. Papa Glögi heißt das Häuschen, so steht es oben drüber.
15:18
Ich fühle mich nicht wohl, hinten, der Rücken ist so frei, dem Leben ausgesetzt, würde lieber anders herum sitzen und schauen, aber dann ist es unübersichtlich.
15:19
Links von der Bude eine Mülltonne, Gewerbeabfall, daneben eine fast liegende Leiter, auf der Kinder herumklettern können. Sterntaler heißt das. 1 Versuch für 3 Euro, zwei Versuche 5 Euro, 3x 7 Euro. Der Preis sind Golddukaten, 20 Euro. Ein paar technisch versierte Männer schauen auf die Leiter und prüfen deren Stabilität, ja, doch immer bleiben einige Leute davor stehen. Daneben eine kleine hohe Hütte, sieht aus, wie ein Beichtstuhl, der Betreiber, ein älterer Mann, steht jetzt draußen mit einer großen Schatzkiste davor.
15:21
Ich habe solchen Durst. Mein alkoholfreier Kaffee rettet mich nicht. Ich denke, woher könnte ich denn was zu trinken kaufen? Im Supermarkt oder hier am Stand, einige Leute schauen auf uns, leicht grinsend und verwundert. Da stehen wieder Leute, ältere, die changen Geld, sieht aus wie eine erwachsene Tochter und deren Eltern.
15:23
Die Schatztruhe steht auf einem Schaffell oder so einem Fell, was auch immer, möge es doch besser ein Kunststofffell sein. Jetzt klettert der Budenbesitzer vor, die Tochter macht nach. Das ganze sieht aus wie ein Piratenschiff.
15:24
Ob ich mich trauen würde, darauf herum zu klettern. Ahhh, ohhh, gar nicht so einfach. Die durchtrainierte Frau versucht darauf zu balancieren, alles total schief und schepp. Eine Frauenstimme ruft „in die Mitte“ – und schwups, schon ist sie runter gefallen, die Zuschauer klatschen leise Beifall. Sie bekommt Geld zurück. Sieht gar nicht so schwer aus.
15:26
Muss mal ne kurze Pause machen. Hinter uns ist auch viel los. Rechts eine große Halle, mit der Aufschrift „Getränke-Abteilung“. Irgendwo klingt Geigengeklimper aus der Retorte. Ein unwirtliches Treiben. Da, am Kinderkarussell ein dumpfes Tuten, würde auch hier zu der Leiter passen.
15:26
Der Kassierer hat wieder in seinem Beichtstuhl Platz genommen, erinnert mich an die Wahrsagerin auf dem Jahrmarkt, Sara. Ich traute mich nicht, mit ihr zu gehen, heute würde ich es eventuell tun, zu einer Wahrsagerin, oder auch nicht.
15:28
Es füllt sich langsam, viele ältere Leute und aber auch junge Familien mit Kinderwagen, denke ich an mein Enkelkind und wie ich selbst mit meiner Tochter auf dem Weihnachtsmarkt war, gebrannte Mandeln geliebt habe. Heute Kann ich sie gar nicht essen, weil ich ja keinen Zucker esse. H. wollte immer Karussell fahren.
15:29
An der Leiter ist es jetzt wieder ruhig. Bei Papa Glögi ist auch nicht viel los. Eine Frau mit einer Aigner Tasche umbinden (komische Sprache) kauft einen Glühwein, der würde mich jetzt nicht reizen. Witzig, dass E. sofort los ging und sich einen Glühwein kaufte, mit Brombeeren und noch irgendwas. Ich habe nur Durst, Wasser Durst. Das ist selten. Es gibt auch Kinderglögi für 3 Euro und Sandwiches für 7-5 Euro und diverse Schnäpse für 2 Euro. Jetzt riecht es komisch, nach verbranntem Käse.
15:32
Wie lange schreiben wir eigentlich? Hinter uns standen 3 ältere Damen, fühlte sich an, als schauten sie uns über die Schulter. Sie bewegen sich zu Papa Glögi und diskutieren, ob sie wohl einen Drink kaufen, sie nesteln an ihren Taschen, ja, es sieht so aus, als kauften sie. Am anderen Tisch küßte sich das Pärchen, dann stellten sie sich die Liebenden gegenüber an den Stehtisch. Sie trinken einen Glühwein aus einer Tasse.
15:34
Besinnlich, bei Sinnen sein, in Ruhe sein, alle auf der Suche nach dem Kick oder was könnten die Menschen hier suchen und finden? Da hinten wieder das dumpfe Dröhnen beim Kinderkarussell.
15.35
Fertig, ja, es reicht auch. Ein kleiner Junge wird von seinem Opa im Kinderwagen gefahren und greint laut vor sich hin, psssssst flüstert der Opa.

- Hier findet Ihr weitere Informationen zu Parallelprotokoll der Kunsthalle Below, AG Minimales Reisen.

Wie nahe alles scheint in Deinen Worten und Ausdruck. Als wäre ich dabei. Ja das ist Leben. Danke.
Liebe Martina, großen Dank. Ja, sonst wäre ich sicher gar nicht auf einen Weihnachtsmarkt gegangen, aber mit Schreiben geht alles! haha.